Nährende Beziehungen

Unsere Seele braucht für ihr Wohlbefinden spirituelle Praxis und Meditation. Durch diese bekommen wir Zugang zu unserer Kreativität und unserem intuitiven Wissen, und wir fühlen Verbundenheit mit dem Leben und dem Sein und werden einverstanden damit, so wie es ist.

Doch was ihr außerdem und darüber hinaus Nahrung gibt und sie im materiellen Leben verankert, sind gute Beziehungen. Gute, nährende Beziehungen beschränken sich nicht nur auf unser nächstes Umfeld, unsere Partner, Freunde, Bekannte, sondern schließen auch unser berufliches oder nachbarschaftliches Umfeld, ja sogar die Gesellschaft und die uns umgebende Natur mit ein. Und – was schon lange bekannt ist, aber in letzter Zeit wieder ins Blickfeld rückt – auch die Beziehungen zu den Toten, zu unseren Ahnen sind maßgeblich für unsere Entwicklungsmöglichkeiten im Leben.

Wachstum braucht Nahrung und Widerstand, und gute Beziehungen geben beides.
Doch wie finde ich zu erfüllenden, nährenden Beziehungen, die mir genügend Platz für mich selbst lassen?

Fragen an mich selbst

Die Suche fängt wie immer bei mir selbst an. Nur wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, kann ich wirklich in Beziehung treten, mich auf jemand anderen beziehen. Es beginnt mit Fragen an mich selbst:

Bin ich in meinem Leben verwurzelt, fühle ich mich so richtig „zuhause“ oder laufe ich mit dem Gefühl rum, dass ich E.T. auf der Suche nach seiner Heimat bin?

Habe ich Angst vor Nähe, fühle ich mich schnell erdrückt vom Partner, oder habe ich eher Angst vor Verlust und muß den anderen immer „krallen“? Viele Paare tanzen ja mit Partner oder Partnerin diesen Tango, sich bei Annäherung erdrückt zu fühlen (da hilft nur Flucht!) oder bei Abgrenzung das Ende der Beziehung zu fürchten.

Kann ich mich genügend durchsetzen – notfalls auch entschieden und kompromisslos - und dennoch Mitgefühl mit anderen Menschen, ein offenes Ohr und ein offenes Herz haben? Oder verliere ich mein Eigenes immer wieder aus den Augen und muß dann mit der Plattschaufel um mich hauen, um wieder frei zu werden?

Diese Fragen berühren die Lebensthemen vieler Menschen, die wir in unseren Selbsterfahrungsgruppen kennenlernen durften. Bei der gemeinsamen Suche nach Antworten auf Lebens- und speziell Beziehungsfragen fanden wir immer wieder Ähnlichkeiten: Oft werden beispielsweise unbefriedigte Bedürfnisse aus der Kindheit auf den Partner übertragen. Ein Mensch, der von einem Elternteil – meist der Mutter – nicht genügend Halt oder Zuwendung bekommen hat, sucht als Erwachsener immer noch verzweifelt die Anerkennung oder Fürsorge, die damals nicht da war. Viele Beziehungen scheitern dann, weil die Partner mit dermaßen hohen Ansprüchen an sie – nämlich die fehlende elterliche Zuneigung und Anerkennung zu ersetzen - überfordert sind. Sie wenden sich ab, weil sie sich nicht gesehen fühlen, und die Beziehung geht zu Ende.

Zwei Formen von Traumatisierung

Zunächst einmal kann man davon ausgehen, dass gestörte Beziehungen mit irgendeiner Form von Traumatisierung zusammenhängen. Dies können sowohl persönliche Traumatisierungen (also in der eigenen Biographie geschehene Verletzungen) als auch systemische Traumata sein.

Trauma durch einen frühen Verlust

Ein Beispiel für eine persönliche Traumatisierung, also für unverdaute Erlebnisse aus der eigenen Kindheit, die ins Unbewusste verdrängt sind, ist die Geschichte einer Frau, deren Vater sich umgebracht hatte, als sie noch ein kleines Mädchen war. So ein gewaltsamer Verlust erschüttert die Welt eines Kindes sehr, meist ist die einzige Möglichkeit der Verarbeitung, die bleibt, die Verdrängung. Sie hat sich als Erwachsene gewundert, warum sie immer wieder an Männer geriet, ja sie geradezu immer gesucht hat (und zwar viele), die schwierig waren, sich immer wieder trennten, und die sie nicht gehen lassen konnte: Sie war bei jedem Kontaktversuch wieder bereit, noch einen Versuch zu machen, und es ging immer wieder schief. Immer wieder fiel sie ins Leiden und Nacherleben des frühen Verlustes – ihre Seele suchte auf diese Art und Weise immer wieder ähnliche Situationen, um das feststeckende alte Erlebnis zu bearbeiten. In einem schamanischen Kurs hat sie sich ihrer Traumatisierung annähern können, den Vater in den Blick nehmen, statt ihn auf die Partner zu projizieren. Das war sicher nicht leicht und mit viel nacherlebtem Schmerz verbunden, doch eine Komfort-Lösung gibt es hier nicht; die Lösung besteht im Anerkennen dessen, was geschehen ist.

Schamanische Rituale sind für die Arbeit mit unbewussten Inhalten sehr gut geeignet, die archaischen Bilder und Hinweise, die die Seele liefert, werden genutzt und für die nächsten Lösungsschritte ins alltägliche Leben transferiert. Schamanische Rituale, der Kontakt mit den „anderen Wirklichkeiten“ (dem Unbewussten bzw. Überbewussten), Visualisierungen und Visionen können darüber hinaus unseren Blick weiten auf größere Zusammenhänge, auf das, was über unser begrenztes Leben hinausgeht und ihm Richtung und Sinn gibt.

Sexuelles Trauma

Eine weitere Möglichkeit einer persönlichen Traumatisierung ist sexueller Missbrauch. (Ähnlich verhält es sich bei Traumatisierung durch Gewaltsituationen, die wir hier nicht gesondert erläutern.) Als Beispiel für sexuellen Missbrauch und den Umgang damit möchten wir die Situation einer Teilnehmerin aus einer unserer Tantra-Gruppen anführen. Es ist die Geschichte einer Frau, deren Eltern sich schon sehr früh gleich nach der Geburt der Klientin trennten. Kinder spüren sehr genau, was ihren Eltern fehlt. So spürte dieses Mädchen den Schmerz des Vaters über den Verlust seiner Lebensgefährtin. Das Mädchen wollte dem Vater die verlorene Frau ersetzen – natürlich geschieht dies unbewusst, im Grunde aber freiwillig aus einer blinden Liebe und Abhängigkeit. Gleichzeitig stellt dies für das Kind eine völlige Überforderung und Bedrohung dar und führt zur Traumatisierung. Die missbräuchlichen Situationen aus dieser Zeit und die damit verbundenen Schuldgefühle wurden deshalb später aus dem Bewusstsein der Frau verdrängt. Als Sie erwachsen war, konnte Sie sich in ihren Liebesbeziehungen ihrem jeweiligen Partner nicht hingeben. Sexuelles Empfinden, Freude und Lust wurden als äußerst gefährlich erlebt – sie erinnerten zu sehr an das überwältigende Mißbrauchserleben und wurden abgewehrt. Um frei zu werden für ihr weiteres Leben, musste sie sich erst mit den Situationen aus der Kindheit auseinandersetzen und die damit verbundenen Gefühle wie Schmerz, Ekel, Wut, Hilflosigkeit und Hass noch einmal durchleben. Sie musste lernen, sich diesem Teil ihrer Geschichte zu stellen und ihm zuzustimmen.

Über diese seelische Bearbeitung von inneren Konflikten hinaus gibt es im Tantra auch Möglichkeiten, auf der körperlichen Ebene Verspannungen zu lösen, beispielsweise durch Massagen, speziell auch solche des Genitalbereiches, behutsame Yoni- oder Vajra-Massagen. Die im Körperpanzer gespeicherte Information, auch mit traumatischen Inhalten, wird durch das Massieren aufgelöst und sexuelle Lust kann wieder fließen. In den alten Schmerz zu gehen ist nicht einfach – sich mit seiner Scham, dem Ekel, den verletzten Gefühlen anderen Menschen zu zeigen. Doch es lohnt sich, denn nur dadurch kommt man zu sexuell befriedigendem Erleben, zu Lust und Lebensfreude. Und die wird in einer Tantra-Gruppe dann entsprechend gefeiert und mit all ihren Facetten gewürdigt.

Systemisches Trauma

Dies waren zwei Beispiele für persönliche Traumatisierungen. Doch nun zu den systemischen Traumata. Was bedeutet das eigentlich, „Systemisches Trauma“? Es bedeutet, dass sich Traumatisierungen von Vater oder Mutter im eigenen Leben auswirken. Außerdem können die Eltern auch schon Traumata von den Großeltern übernommen haben, so dass manche schlimmen Ereignisse sich über mehrere Generationen „vererben“. Diese systemischen „Verstrickungen“ können bei einer Familienaufstellung ans Licht kommen.

Bei Paaraufstellungen, d.h., wenn ein Paar seine Beziehung aufstellt, kann man dann etwa sehen, dass die Partner noch an Personen aus der eigenen Herkunftsfamilie gebunden sind. Dies kann ein Elternteil sein, für den man glaubt, noch etwas erledigen zu müssen, es kann aber auch die Identifikation mit einer ausgeschlossenen Person im Familiensystem sein. Oft zeigt sich die Familienbindung in Vorwürfen an die Eltern, dem Gefühl, dass sie nicht richtig für einen da waren. Eine Verstrickung oder Identifizierung äußert sich beispielsweise aber auch im Gefühl, nicht richtig da zu sein, nicht in der Kraft zu sein, nicht das eigene Leben zu leben. Oft erlebt man sich als unfähig, Konflikte auszuhalten, spürt ständige Unzufriedenheit oder Traurigkeit oder ein Gefühl von Sinnlosigkeit. Beziehungen gestalten sich meist schwierig und scheitern häufig.

Systemische Traumata zeigen sich also zunächst nur in verklausulierter Form. Durch das Aufstellen kann man ihre Wirkung erkennbar werden lassen und Hinweise erhalten, was hilfreich wäre. Erst wenn diese alten Bindungen ans Familiensystem gelöst sind, kann man sich Neuem zuwenden.

Bei Paaren liegt oft eine Mischform vor, dass nämlich zur Verstrickung in der Herkunftsfamilie Bindungen an frühere Partner aus dem eigenen Beziehungsleben kommen. Das heißt, die Partner sind nicht frei füreinander, weil sie noch in alten Beziehungen verstrickt, also noch zu sehr mit anderem beschäftigt sind, als dass sie sich Neuem zuwenden könnten. Die Bindungen zu den früheren Partnern können noch bestehen, etwa weil eine Schuld nicht anerkannt ist oder ein Schmerz noch nicht gefühlt. Manchmal wurde eine vergangene Beziehung wie ein Spiel betrieben, der Partner nicht gesehen und gewürdigt. Das be- oder verhindert dann neue Beziehungen.

In einem solchen Falle müssen zunächst die persönlichen „Versäumnisse“ im eigenen Leben anerkannt werden, die Entschuldigung „ich war ja in meiner Herkunft verstrickt“ nützt nichts, sie schwächt nur. Erst wenn ich meine Beteiligung anerkenne, meine Schuld und meine Verletzungen, dann kann ich weitergehen und meinen mir angemessenen Platz in meiner Familie einnehmen.

Die Bearbeitung der eigenen Vergangenheit, das Lösen der Verstrickungen führt uns zu dem, was die Schamanen-Krieger das „Auslöschen der persönlichen Geschichte“ nennen. Das, was gelöst ist, können wir in den Hintergrund treten lassen. Es bleibt als Erinnerung bestehen, bestimmt unser Leben aber nicht mehr. Wir werden frei, uns dem Größeren zuzuwenden, Themen wie Tod, Verantwortung für die Welt, Visionen und Träume für unser Leben und die Existenz - bis wir volle Verantwortung für alles übernehmen können, was uns begegnet bis wir selbst zur Antwort werden, zu einer ganz eigenen Antwort auf den gesamten Kosmos.


Letzte Änderung: 27.07.2018

Autor/in und inhaltlich verantwortlich
Freiheit zu sein / Eva Reuter und Franz Reuter Familienaufstellungen, Tantra, Ausbildung Frankfurt am Main
Persönlichkeitsentwicklung und Spiritualität
Familienaufstellungen, Tantra, Ausbildung Freiheit zu sein / Eva Reuter & Franz Reuter
60594 Frankfurt am Main

Familienaufstellungen, Paaraufstellungen, Familienstellen nach Hellinger, Ausbildung Familienstellen; Tantra für Singles, Frauen und Paare; Arbeit mit dem inneren Kind; Traumatherapie; Psychotherapie (HPG), Praxis in Frankfurt am Main

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