Balance als integraler Wahrnehmungsakt

Die Fähigkeit ruhend aufrech im Lot zu stehen stellt der Ausgangspunkt für die Untersuchung und diagnostische Evaluierung von Körperbalance dar. Kognitive Probleme bei Schulkindern und das nicht selten Aufkommen von Dyslexie und ADHS sind nicht zu verstehen, wenn sie nicht im Zusammenhang mit den Mechanismen gebracht werden, die für die Regulierung von Körperbalance und Körperwahrnehmung verantwortlich sind.

Die Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten steht in engem funktionalen Zusammenhang mit der somatischen Entwicklung von Körperbewegung schlechthin.

Das Ausbalancieren des Kindes auf einem liegenden Holzstamm fördert ihre gesitige Entwicklung. Leider gerät diese Einsicht in der Schulplanung immer mehr in den Hintergrund! Physiologische Mechanismen, die für die Regulierung von Balance, Körperhaltung und allgemeine Orientierung des Körpers im Raum unterstehen dem vestibulären System. Dieses bildet quasi den funktionellen Mittelpunk eines vom Zentralnervensystem dirigierten Wahrnehmens, das ferner mit dem visuellen System,dem Hörsystem, dem Fühlsystem für Körperposition und dem Bewegungswahrnehmungssystem in seiner Gesamtheit anzusehen ist. Wahrnehmen bedeutet hierin diesem Zusammenhang Raum “sehen“, “hören“, “fühlen“ und “bewegen“. Diese vier Tätigkeiten bilden gleichsam eine Vierheit - ich bezeichne sie mit ihrem lateinischen Begriff des “Quaternio“. Dieses quaternäre Wahrnehmungssystem benötigt vor allem das vestibuläre System als Verbindungsbrücke zwischen den vier genannten Funktionen für die räumliche Wahrnehmung: Schließen wir beim ruhenden Stand die Augen so halten wir das Gleichgewicht über das selektierende daher verwertende “Abhören“ solcher Standinformationen, die über das “Fühlen“ durch Rezeptoren, die sich unter anderem in den Fußsohlen, in dem Becken und in Wirbelsäulengelenken, aber auch in den oberen Halswirbel- und Kiefergelenken befinden, vonstatten geht.

Die feine Verschatung dieser vier Stellglieder ist offenkundig: Halten wir die Ohren zu so verschiebt sich der Wahrnehmungspol auf das visuelle System. Schalten wir aber beide aus dann nimmt automatisch das Fühlen für die Körperposition zu. Stellen wir uns aber im Stand auf weichen Kissen so springt das somatische Bewegungssystem mehr ein; wir bemerken dabei ein größeres Körperschwanken beim ruhenden Stand. Dieses entsteht kompensatorisch durch die Einschaltung von Bewegungsmeldern, die in den Muskelspindeln und Sehnenansätzen vorzufinden sind. Der Körper schaltet nunmehr das kinetische System ein um einen ausgeglichenen Ruhezustand im Stand zu ermöglichen. Man erkennt anhand der obigen Beispiele dieses enge Zusammenspiel von diesen vier funktionell interagierenden Systemen, welches nur ein Ziel verfolgt: möglichst ruhig im Stand aufrecht zu stehen, oder besser, ruhend im Lot zu stehen. Geht man diesem einfachen Wahrnehmungsschema auf den Grund,dann könnte verständlich sein, warum z.B. bei Dyslexie das visuelle System (fehlender Zentralbhörausgleich beider Gehirnhälfte), beim Autismus das Hörsystem (fehlender Bezug zum peripheren somatischen System), beim Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom das Bewegungssystem (kompensatorische motorische Überaktivität) oder bei Dyspraxie das Fühlsystem (Fehlintegration propriozeptiver Daten) symptomatisch in den Vordergrund treten. Dies bedeutet, dass innerhalb dieser Vier-Funktion ein Stellglied in Dysfunktion entgleist. Das muss aber nicht nowendigerweise just jenes System sein, das die Hauptsymptomatik liefert!

Die Untersuchung des betroffenen Patienten im Lot ist für diagnotische Zwecke unerläßlich. Schließt der Patient die Augen im ruhenden Lot und gerät hierdurch sein Körper unter starkem Bewegungsschwankungsverhalten dann liegt eine Störung im vestibulären System. Läßt man hingegen den Patienten bei offenen Augen auf zwei weiche Kissen stehen und schwankt er dabei sehr, dann liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Störung im visuellen System vor. Interessanterweise fand man bei klinischen Untersuchungen im ruhenden Lotzustand fest, dass ausgerechnet autistische Kinder sich wohler fühlen, wenn sie auf weiche Kissen mit geschlossenen Augen stehen. Bei Autismus ist die Tätigkeit des nach" Innen -Abhörens“ abnorm gesteigert. Es ist ein Zustand, der aber aufgrund seiner funktionalen Hypertrophie das somatische System gleichsam “erlahmt“, rigide macht.

Dies drückt sich oft z.B durch eine ungewohnt Abnahme von Körperschwankungstätigkeit im Stand. Eine solche Rigidität findet sich auch oft bei Parkinson-Patienten. “Sehen“, “Abhören“, “Fühlen“ und “Bewegen“ bilden die Quaternio-Gruppe funktionalen Balancevermögens als Antwort auf kommunizierende Raumwahrnehmung zwischen In- und Umwelt.

Es ist daher vonöten eine Therapie zu erstreben, die die besondere Interaktion dieser Stellglieder untereinander berücksichtigt. Dann wird es möglich sein über die Regulierung des “Abhörsystems“ das symptomatisch betroffene Sehvermögen zu korrigieren, oder eine erhöhte therapeutische Induktion des “Fühlens“ das Bewegungssystem aus seiner Rigidität “erweckt“ (Therapeutisches Reiten!) und umgekehrt genauso.

Die Ganzheit des Wahrnehmens als einen dynamischen Prozeß zu verstehen, bedeutet das Einschließen der oben bezeichneten Quaternio-Funktion von “Sehen“, “Hören“, “Fühlen“ und “Bewegen“ als eine Einheit (geschlossenes Quadrat). Die Mitte in diesem Quadrat stellt das vestibuläre System, das schließlich Balance und Raumorientierung ermöglicht.

Aus dieser Mitte kann ein Kreis gezogen werden, der Wahrnehmung als einen ganzheitlichen neurophysiologischen Akt einschließt.


Letzte Änderung: 18.08.2014

Autor/in und inhaltlich verantwortlich
Heilpraktiker München
Naturheilpraxis Quaternio®
Heilpraktiker Victor Robert
DE - 80802 München

Begründer des Quaternio®-Heilwegs, die posturale Atemkörpertherapie

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